Friday, November 03, 2006

Was ist die Revolution?

John Holloway

1. Die Revolution ist notwendiger denn je. Das ist offensichtlich!

2. Die einzige Form, die Revolution zu denken, ist in der Form von Rissen im kapitalistischen Herrschaftsgeflecht: das Erkennen, das Schaffen, das Ausweiten, die Vervielfältigung und das Zusammenfließen von Räumen und Momenten der Negation-und-Erschaffung, von Räumen und Augenblicken, in denen die Menschen sagen "Es reicht" Hier nicht! Hier werden wir unser Leben nicht der Herrschaft des Kapitals unterordnen, hier machen wir, was wir für notwendig und wünschenswert halten!"

3. Die Revolution kommt zweifelsohne aus den Zwischenräumen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Abschaffung des Kapitalismus überall auf der Welt zum gleichen Zeitpunkt stattfinden kann.

4. Die Charakter der Revolution aus den Zwischenräumen heraus wurde in der Vergangenheit durch die absurde Idee verdeckt, dass jeder Staat eine eigene Gesellschaft darstelle, anstatt zu erkennen, dass jeder Staat nur ein Fragment der globalen kapitalistischen Gesellschaft ist. Dei Eroberung eines Staates wurde daher als eine "Revolution" an sich gesehen, anstatt sie als einen Versuch zu sehen, die gesellschaftlichen Verhältnisse in einem Teil der globalen kapitalistischen Gesellschaft zu verändern.

5. Wenn wir davon ausgehen, dass die Revolution zwangsläufig nur aus den Zwischenräumen heraus entstehen kann, dann stellt sich die Frage, welche die relevanten Räume und Zwischenräume sind? Viele Revolutionäre stellen den Staat als den entscheidenden Raum in den Mittelpunkt, aber das hat den Nachteil, dass der Staat eine Organisationsform ist, die zur Unterstützung des Kapitals entwickelt wurde und den Zweck hat, die Menschen von der Bestimmung ihrer eigenen Leben auszuschließen. Sowohl die Geschichte des letzten Jahrhunderts als auch theoretische Reflexion legen nahe, dass es unmöglich ist,l eine selbstbestimmte (oder kommunistische) Gesellschaft zu schaffen, indem man sich einer Organisationsform bedient, die zur Unterdrückung der Selbstbestimmung geschaffen wurde. Die radikale Veränderung der Gesellschaft durch den Staat ist unmöglich.

Radikale Veränderung ohne Staat

6. Wenn wir über Risse in der kapitalistischen Herrschaft nachdenken, ist es besser, in nichtstaatlichen Dimensionen zu denken. Solche Risse existieren in vielen verschiedenen Formen auf der ganzen Welt. Sie können territorialer Art sein: "Hier, in diesem Raum (der lakadonische Urwald, eine besetzte Fabrik oder ein alternaives Café) werden wir die Logik des Kapitals nicht akzeptieren; hier schaffen wir andere gesellschaftliche Verhältnisse." Es kann sich auch um Risse in der Zeit handeln: "Hier, bei diesem Ereignis, während wir zusammen sind, machen wir die Dinge andres, öffnen wir Fenster in eine andere Welt." Oder sie können auf bestimmte Aktivitäten oder einzelne Ressourcen bezogen sein: "In der Frage des Wassers, der Software oder der Bildung kämpfen wir darum, die Herrschaft des Geldes und des Kapitals auszuschließen, diese Dinge müssen einer anderen Logik folgen."

7. Der Tod des Kapitalismus wird nicht Ergebnis einer Dolchstoßes ins Herz sein, sondern Resultat einer Million Bienenstiche. Wir sind diese Stiche.

8. Die Million Bienenstöcke sind eine Million Würden. Unsere Räume oder Momente der Verweigerung sind Räume oder Momente des Erschaffens, also das zu tun, was wir für notwendig und wünschenswert halten. Wir emanzipieren unsere kreative Macht von der instrumentellen Macht, die uns in Knechtschaft hält. Während wir die kapitalistische Gesellschaftlichkeit zerstören (da sie uns zerstört) erschaffen wir eine andere Gesellschaftlichkeit, die auf der kollektiven Bestimmung unseres eigenen Tuns basiert. Die Entfesselung-und-Erschaffung unserer eigenen kreativen Macht bildet den Kern der Revolution. Sie ist auch notwendig, um uns gegen die Drohung materieller Armut zu stelle, mit der die Würde in einer Gesellschaft, die auf der Negation der Würde basiert, belohnt wird.

Der Kapitalismus ist voller Risse

9. Unsere Würden sind Steine, die wir durch die Glassscheiben der kapitalistischen Herrschaft schmeißen. Es entstehen Löcher, aber, wichtiger noch, sie machen Sprünge ins Glas, die sich immer weiter ziehen. Die Bewegung ist das Entscheidende. Das Kapital ist ein ständiger Prozess, dieser Risse zu füllen, sich unsere Rebellionen wieder einzuverleiben, so dass unsere Rebellion um lebendig zu bleiben, sich schneller als das Kapital bewegen muss. Ein autonomer Raum, der sich nicht ausbreitet, der nicht zum Riss wird, läuft Gefahr, sich in siene Gegenteil zu verwandeln, in eine Institution.

10 Der Kapitalismus ist voller Risse, leider (die Rebellion, die in uns allen steckt, oder in einer Gruppe von Menschen, die sich zusammentut, um einen antikapitalistischen Raum zu schaffen) oder großer (wie der lakadonische Urwald, die Bewegung in Bolivien, die Aufstände und Verweigerungen in Frankreich). Manchmal sind sie so klein oder scheinbar "unpolitisch", dass wir sie nicht wahrnehmen. Die Revolution beginnt mit der Wahrnehmung der existierenden Risse und wächst mit der Erschaffung neuer, ihrer Ausdehnung, ihrer Vervielfältigung und ihrem Zusammenfließen. Das Zusammenfließen hängt mehr von Schockwellen, von Resonanzen und Affinitäten als von formellen Organisationsstrukturen ab.

Die Revolution aufzugeben ist keine Option

11. Revolutionen der Risse heißt Revolution hier und jetzt. Der Dolchstoß ins Herz muss vorbereitet werden, liegt immer in der Zukunft. Die Million Bienenstiche und würden sind hier und heute. Die Frage ist also nicht, wie wir die Bewegung für die Zukunft aufbauen, sondern wie wir die kapitalistischen Zusammenhänge jetzt und hier zerbrechen. Bruch, Verweigerung-und-Erschaffung hier und jetzt: hierin liegt die Herausforderung der Revolution.

12. Wir sind nicht verrückt und sofern wir es doch sind, sind wir mit unserem Wahnsinn nicht allein. Das alte leninistische Konzept ist in der Krise. Es schien zu Anfang, zumindest einigen, dass die Idee der Revolution an sich in der Krise sei, aber mittlerweile ist klar, dass es eine bestimmte Idee der Revolution ist, die in der Krise steckt und dass die Revolution dringlicher denn je ist.

13. Das alte Konzept der Revolution ist in der Krise, weil seine Grundlage, die abstrakte bzw. entfremdete Arbeit in der Krise steckt. Das alte Konzept war die revolutionäre Theorie der Arbeiterbewegung (und der Lohnarbeit selbst) eröffnet eine grundlegendere Ebene des Klassenkampfes: der Kampf des Tun gegen die Lohnarbeit (und deswegen gegen das Kapital). Es ist dieser neue und tief greifende Klassenkampf, der jetzt sowohl praktisch als auch theoretisch seinen Weg sucht. Wir sind die Krise der abstrakten Arbeit, die Krise der Lohnarbeit, wir sind die Revolte des Tuns gegen die entfremdeten Herrschaft, wir sind der Antrieb des Tuns in Richtung Selbstbestimmung. Wir sind, anders ausgedrückt, das Überfließen der Kreativität über die Fesseln der Arbeit hinaus. Wir sind sowohl die Antwort als auch die Frage eines neuen Klassenkampfes: in der korrekten Reihenfolge, zuerst die Antwort, dann die Frage.

14. Die Schwierigkeiten dieser Ansatzes sind offensichtlich: dieser Punkt kann den Leser sicher anvertraut werden. Ich sehe jedoch keinen anderen Weg vorwärts Die Revolution aufzugeben ist keine Option.

15. Fragend schreiten wir voran.

1 comment:

Unknown said...

trotz schwaechen im text ein gutes stueck arbeit und sollte gelesen werden :)