Saturday, December 09, 2006

Die Globalisierung hat noch nicht gewonnen


Requiem für die Twin Towers oder Hat der Terrorismus einen Sinn? Der
französische Soziologe Jean Baudrillard über den "Selbstmord des Systems"
und dessen Folgen


Die Attentate des 11. September gehen selbstverständlich auch die
Architektur an, da das zerstörte Bauwerk eines der berühmtesten der Welt
war. Die Attentate haben ebenso eine bestimmte Architektur wie ein ganzes
System westlicher Werte und eine Weltordnung getroffen. Es liegt daher
nahe, mit einer historischen und architektonischen Analyse der Twin
Towers zu beginnen, will man die symbolische Bedeutung ihrer Zerstörung
verstehen.

Alle großen Gebäude Manhattans waren damit zufrieden, sich in einem
Wettstreit der Vertikalität zu messen, woraus ein architektonisches
Panorama nach dem Vorbild des kapitalistischen Systems erwuchs - ein
pyramidaler Dschungel, dessen berühmtes Bild sich bei der Ankunft vom
Meer her nach und nach herauskristallisierte. Dieses Bild änderte sich
1973 mit dem Bau des World Trade Center. Als Abbild des Systems traten an
die Stelle von Obelisk und Pyramide die Lochkarte und die statistische
Grafik. Dieser architektonische Grafismus verdeutlicht nun kein
konkurrentielles System mehr, sondern ein numerisches und errechenbares,
in welchem die Konkurrenz vor den Netzen und dem Monopol kapituliert hat.

Vollkommen parallele Gebilde, 400 Meter hoch, auf quadratischem Grund,
perfekt austarierte und blind kommunizierende Röhren. Die Tatsache, dass
es zwei davon gab, bedeutete das Ende jeder ursprünglichen Referenz.
Hätte es nur einen gegeben, hätte sich das Monopol nicht vollständig
inkarnieren können. Nur die Wiederholung des Zeichens brachte das
Bezeichnete auf den Punkt.

New York ist die einzige Stadt auf der Welt, die im Laufe ihrer
Geschichte mit wunderbarer Treue die jeweils gültige Form des Systems mit
all seinen Umschlagpunkten nachgezeichnet hat. Man muss also davon
ausgehen, dass der Zusammenbruch der Türme - ein einzigartiges Ereignis
in der Geschichte der modernen Stadt - eine Form des dramatischen Endes,
um nicht zu sagen des Verschwindens dieser Form von Architektur wie auch
des von ihr inkarnierten Weltsystems präfiguriert. In ihrer rein
informationellen, bank- und finanzförmigen, errechenbaren und numerischen
Modellierung waren sie in gewisser Weise deren Gehirn; die Terroristen
haben mit ihrem Anschlag das Gehirn, das neuralgische Zentrum des Systems
getroffen.

Die Gewalt des Globalen vermittelt sich über die Architektur; mithin
vollzieht sich die gewaltsame Ablehnung dieser Globalisierung durch
Zerstörung der Architektur. In Termini des kollektiven Dramas lässt sich
sagen, dass der von den 4 000 Opfern erlebte Schrecken, in den Türmen zu
sterben, nicht von dem Schrecken, in ihnen zu leben, getrennt werden kann
- dem Schrecken, in diesen Beton- und Stahlsarkophagen zu leben und zu
arbeiten.

Die Symmetrie der Türme hat sogar ihre eigene Zerstörung berücksichtigt:
eine zweifache Aggression in wenigen Minuten Zeitabstand. Suspens
zwischen den beiden Einschlägen. Nach dem ersten konnte man noch an einen
Unfall glauben. Erst der zweite machte klar, dass es sich um einen
Terroranschlag handelte. Bei dem Flugzeugabsturz von Queens, einen Monat
später, haben die Fernsehanstalten gewartet, sie sind (in Frankreich)
vier Stunden lang auf Aufnahme geblieben, in der Hoffnung auf einen
zweiten Absturz in Direktübertragung. Da dieser nicht stattfand, wird man
nie wissen, ob es ein Unfall oder ein Attentat war.

Der Zusammenbruch der Türme ist ein symbolisches Ereignis höherer
Ordnung. Stellen Sie sich vor, sie wären nicht zusammengebrochen und es
wäre nur einer eingestürzt - die Wirkung wäre längst nicht dieselbe
gewesen. Der schlagende Beweis der Fragilität der Weltmacht wäre nicht
derselbe gewesen. Die Türme als Wahrzeichen dieser Macht inkarnierten sie
noch in ihrem dramatischen Ende, das einem Selbstmord glich. Indem sie
scheinbar aus sich heraus, wie durch Implosion, einstürzten, gewann man
den Eindruck, dass sie sich umbrachten, als Antwort auf den Selbstmord
der Flugzeuge.

Sind die Twin Towers zerstört worden oder sind sie in sich
zusammengestürzt? Wir meinen: Die beiden Türme sind gleichzeitig ein
körperlicher, architektonischer und ein symbolischer Gegenstand (der die
finanzielle Potenz und den globalen Liberalismus symbolisiert). Der
architektonische Gegenstand wurde zerstört, aber man zielte auf den
symbolischen: Diesem galt die Zerstörungswut. Scheinbar hat die physische
Zerstörung den symbolischen Zusammenbruch nach sich gezogen. Tatsächlich
aber hat niemand - haben nicht einmal die Terroristen - die totale
Zerstörung der Türme geplant. Der symbolische Zusammenbruch hat mithin
den physischen nach sich gezogen und nicht umgekehrt.

Bis in ihr Scheitern hinein haben die Terroristen über ihre Erwartung
hinaus gesiegt: Obwohl sie das Weiße Haus verfehlt haben (und die Türme
über ihr Ziel hinaus getroffen haben), haben sie unfreiwillig gezeigt,
dass das nicht das entscheidende Ziel war, dass politische Macht im
Grunde nicht mehr viel bedeutet, dass die Stärke anderswo liegt. Die
Frage, was man an der Stelle der Türme errichten sollte, ist
unentscheidbar. Ganz einfach, weil man sich nichts Gleichwertiges
vorstellen kann, das gleichermaßen der Mühe lohnte, zerstört zu werden -
das der Zerstörung würdig wäre. Die Twin Towers lohnten der Mühe,
zerstört zu werden - das lässt sich nicht von vielen architektonischen
Werken sagen. Nur die namhaften Werke sind dessen würdig, da die
Zerstörung eine Ehre ist. Diese Aussage ist nicht so paradox, wie sie
klingt, und gibt der Architektur eine grundlegende Frage auf: Darf man
nur bauen, was dank seines herausragenden Charakters auch wert wäre,
zerstört zu werden? Die meisten Dinge lohnt es nicht zu zerstören oder zu
opfern.

Kommen wir nun zum Globalen und zur Gewalt des Globalen in seinem
Verhältnis zum Universellen und zur Singularität. Zwischen den Termini
des Globalen und Universellen liegt eine trügerische Analogie.
Universalität kommt den Menschenrechten, den Freiheiten, der Kultur, der
Demokratie zu. Die Globalisierung dagegen bezieht sich auf Techniken,
Markt, Tourismus, Information. Die Globalisierung scheint unumkehrbar,
während das Universelle im Verschwinden begriffen scheint, zumindest so,
wie es sich als Wertesystem auf der Ebene der westlichen Moderne ohne
Entsprechung in einer anderen Kultur herausgebildet hat. Jede Kultur, die
sich universalisiert, verliert ihre Singularität und stirbt. Das ist
jenen geschehen, die wir gewaltsam assimiliert haben, aber das geschieht
auch unserer Kultur mit ihrem Universalitätsanspruch. Der Unterschied
liegt darin, dass die anderen Kulturen an ihrer Singularität gestorben
sind, was ein schöner Tod ist, während wir am Verlust jeglicher
Singularität, an der Vernichtung aller unserer Werte sterben, was ein
"Mal-Mort", ein schlechter Tod ist.

Wir denken, dass jedem Wert dieses Schicksal der Erhebung zum
Universellen blüht, ohne dass er die Todesgefahr ermessen kann, die diese
Beförderung mit sich bringt; alles andere als eine Erhebung, stellt sie
eine Reduktion oder sogar eine Erhebung auf den Nullpunkt des Wertes dar.
Zur Zeit der Aufklärung vollzog sich die Universalisierung von oben, nach
dem Bild des aufsteigenden Fortschritts; heute vollzieht sie sich von
unten, mittels Neutralisierung der Werte, mittels Wucherung und
unbestimmter Ausdehnung der Werte. Dasselbe geschieht unter anderem den
Menschenrechten, der Demokratie: Ihre Expansion entspricht ihrer
schwächsten Definition, ihrer maximalen Entropie.

In der Tat geht das Universelle in der Globalisierung unter. Die Dynamik
des Universellen als Transzendenz, als idealer Zweck, als Utopie, hört im
Maße seiner Realisierung zu existieren auf. Die Globalisierung des
Tausches setzt der Universalisierung der Werte ein Ende. Mit dem Übergang
des Universellen zum Globalen vollzieht sich zugleich eine
Homogenisierung und Fragmentierung des Systems ins Unendliche. Die
globale Vernetzung der Netze wird durch eine Herauslösung der Fragmente
verdoppelt. Nicht das Lokale folgt auf das Zentrale, sondern das
Abgetrennte; nicht das Dezentrierte folgt auf das Konzentrische, sondern
das Exzentrische, als Desintegration des Universellen. Die Globalisierung
stellt insgesamt eine Homogenisierung und wachsende Diskriminierung dar.
Zurückweisung, Ausschluss sind keine zufälligen Folgen, sie gehören zur
Logik der Globalisierung, die im Gegensatz zum Universellen die
existierenden Strukturen entsolidarisiert, um sie desto besser
integrieren zu können. Überall überkreuzen sich die Distanzen, häufig
unwiederbringlich.

Das Universelle war eine Kultur der Transzendenz, der Reflexion des
Subjekts und des Begriffs, eine Kultur mit drei Dimensionen, jener des
Raums, des Realen und der Repräsentation. Der virtuelle Raum ist jener
des Bildschirms, des Netzes, der Immanenz, des Numerischen. Nun lässt
sich dieser Raum der vierten Dimension den anderen nicht hinzuaddieren,
schafft sie vielmehr ab. Indem er all diese Dimensionen
aufeinanderprallen lässt, bringt der Bildschirm des Globalen ein
eindimensionales Universum oder vielmehr eine Raumzeit ohne Dimensionen
hervor.

Man ermisst schwerlich die Gewalt, die all unseren Repräsentationen durch
dieses Eintauchen in die vierte Dimension zugefügt wird. Es ist eine
virale Gewalt, jene der Netze und des Virtuellen. Eine Gewalt der sanften
Vernichtung, eine genetische und kommunikationelle Gewalt; eine Gewalt
des Konsens und der forcierten Zusammengehörigkeit, die, wie eine
Schönheitschirurgie des Sozialen, als Gewalt der Transparenz und der
Unschuld, gewaltsam und prophylaktisch mittels psychischer und medialer
Regulierung die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auszureißen
trachtet; eine Gewalt des Systems selbst, die jede Form der Negativität
und Singularität einschließlich der letzten Form der Singularität, die
unser Tod ist, löscht; die Gewalt einer Gesellschaft, die uns das
Negative und den Konflikt und den Tod untersagt; eine Gewalt, die in
gewisser Weise die Gewalt selbst beendet, die aber in jeglicher Form
daran arbeitet, eine Welt ins Leben zu rufen, die von jeder natürlichen
Ordnung befreit ist, sei es jener des Körpers, des Geschlechts, der
Geburt oder des Todes.

Diese Gewalt ist viral in dem Sinne, dass sie nicht frontal operiert,
sondern mittels Nähe, Ansteckung, Kettenreaktion und dadurch auf den
Niedergang aller Immunitäten zielt. Auch in dem Sinn, dass sie im
Gegensatz zur negativen und historischen Gewalt mit einem Übermaß an
Positivität agiert nach dem Bild von Krebszellen, durch endloses Wuchern,
Auswuchs und Metastase. Zwischen der Virtualität und der Viralität gibt
es noch eine Art Komplizität. Wir müssen dieser viralen Gewalt der
Globalisierung Widerstand entgegensetzen, dieser Gewalt, die den
Singularitäten vom Universellen, dem Universellen vom Globalen und der
Gattung von der Genmanipulation angetan wird. Nicht indem wir mit
Globalisierung der ohnmächtigen universellen Werte antworten, sondern
indem wir ihr eine radikale Singularität, das Ereignis der Singularität
entgegensetzen.

Die Globalisierung hat nicht von vornherein gewonnen, das Spiel ist noch
nicht gespielt. Gegen die auflösende und homogenisierende Gewalt sieht
man überall heterogene, nicht nur differente, sondern antagonistische und
unwiderstehliche Kräfte aufstehen. Hinter dem immer lebhafteren
Widerstand gegen die Globalisierung, den gesellschaftlichen, sozialen und
politischen Widerständen, die wie eine archaische Ablehnung der Moderne
aussehen mögen, muss man die Reaktion gegen die Vereinnahmung durch das
Universelle erkennen, eine Art Revisionismus, der die Errungenschaften
der Moderne bezüglich der Idee des Fortschritts und der Geschichte, der
Zurückweisung nicht nur der berühmten globalen Technostruktur, sondern
der mentalen Struktur der Identifikation aller Kulturen, aller Kontinente
unter dem Zeichen des Universellen zum Bersten bringt.

Das Wiedererstarken, die Erhebung der Singularität kann gewaltsame,
anomalische, irrationale Aspekte ethnischer, religiöser und
linguistischer Art je nach dem Gesichtspunkt unseres aufgeklärten Denkens
annehmen, aber auch auf der individuellen Ebene sich in Charakterzügen
oder Neurosen niederschlagen. Es wäre ein fundamentaler Irrtum, diese
Ausbrüche als populistisch, archaisch, sprich terroristisch zu verdammen.
Alles, was heute Ereignis wird, tut dies in Abgrenzung von der abstrakten
Universalität, einschließlich des Islam, der sich zu den westlichen
Werten antagonistisch verhält. Weil er heutzutage die vehementeste
Infragestellung der westlichen Globalisierung bietet, stellt der Islam
den Feind Nummer 1 dar.

Aus dem Bersten des globalen Systems gehen Singularitäten hervor. Die
Singularitäten sind weder positiv noch negativ. Sie stellen keine
Alternative zur Globalisierung dar, sie liegen auf einer anderen Ebene,
unterstehen keinem Werturteil und können folglich zu unserem Besten oder
Schlimmsten sein. Ihr einziger Vorzug liegt darin, den
Totalisierungsreigen zu durchbrechen. Man kann sie nicht zu einer
historischen Gesamtaktion zusammenfassen. Sie bringen jedes einzigartige
und dominante Denken zur Verzweiflung, aber sie sind auch kein
einzigartiges Gegen-Denken: Sie erfinden ihr Spiel und ihre eigenen
Spielregeln.

Der Terrorismus enthält keine ideologische oder politische Alternative,
das ist offensichtlich. Darin wird er zum Ereignis: Er ist nicht Teil
einer kontinuierlichen Geschichte, einer realen Geschichte; er gehört zu
den reinen Ereignissen, zu jenen, die ihre Ursachen kurzschließen und im
Grunde keine Folgen haben. Das Ereignis gehört nicht der Kontinuität von
Ursache und Wirkung, sondern der Ordnung des Bruchs an. In diesem Sinn
ist jedes Ereignis, das diesen Namen verdient, terroristisch. Eine
besondere Form des Jubilierens liegt im Übergang zum symbolischen Akt.
Der Terrorismus hat kein Ziel. Dieser besondere Triumph, der mit dem
Ereignis und seiner Gewalt verbunden ist, hat in seinem Übergang zum
symbolischen Akt etwas Jubilatorisches, wie es uns im Realen oder in der
realen Ordnung der Dinge nie begegnet.

Der Terrorismus hat kein Ziel und lässt sich nicht an seinen realen
Folgen messen. Wenn das Anliegen der Terroristen darauf abzielt, den
Staat zu destabilisieren, ist das absurd: Da dieser bzw. die Weltordnung
bereits kaum mehr existieren und Quelle einer ungeahnten Unordnung und
Destabiliserung sind, ist es ziemlich sinnlos, das noch verstärken zu
wollen. Es ist sogar riskant, durch zusätzliche Unordnung die Ordnung und
Kontrolle des Staates zu verstärken, wie man es heutzutage überall in der
Einführung neuer Sicherheitsmaßnahmen vor sich gehen sieht.

Darin liegt vielleicht der Traum der Terroristen - sie träumen von einem
unsterblichen Feind. Wenn er nicht mehr existiert, wird es sehr viel
schwieriger, ihn zu zerstören.

Solche Tautologien lassen sich nicht erfinden. Der Terrorismus ist
tautologisch und seine Schlussfolgerung ist eine Art paradoxer
Syllogismus: Wenn der Staat tatsächlich existierte, verliehe er dem
Terrorismus einen politischen Sinn. Da dieser aber tatsächlich keinen hat
(seine Konsequenzen sind null oder utopisch), ist das der Beweis, dass
der Staat nicht existiert. Das ist eine Art, das Ende des Politischen und
sein Lächerlichwerden wie das Ende des Krieges, des Begriffs des Krieges,
der längst durch eine andere Art der Konfrontation, der symbolischen
Konfrontation überboten wurde, zu unterschreiben (den asymmetrischen
Krieg).

Was ist also die heimliche Botschaft der Terroristen? Es gibt eine
Erzählung von Nasreddin, in welcher man ihn täglich mit schwerbeladenen
Maultieren die Grenze überqueren sieht. Jedesmal werden die Säcke
durchsucht, aber man findet nichts. Und Nasreddin überquert immer wieder
mit seinen Maultieren die Grenze. Lange danach wird er gefragt, was er
denn geschmuggelt habe. Und Nasreddin antwortet: Maultiere...

So wird man allerhand Interpretationen für den terroristischen Akt
aufbieten, in Begriffen der Religion, des Martyriums, der Rache oder
politischen Strategie. Was verbirgt sich dahinter? Welches Ziel? Welche
Schmuggelware? Die geheime Botschaft ist ganz einfach der Selbstmord, der
unmögliche Tausch des Todes, die Herausforderung an das System durch die
symbolische Gabe des Todes. In gewisser Weise die absolute Waffe. Und
offensichtlich haben nur die Türme die Botschaft verstanden und haben
diese in einer Art unmittelbarer Einsicht, einer grundlegenden und mit
dem Bösen verschwisterten Einsicht zurückgeworfen.

Das ist der Geist des Terrorismus, seine implizite Strategie. Man wird
das System in Begriffen von Kräfteverhältnissen nie bekämpfen können. Das
System selbst drängt ein (revolutionäres) Imaginäres auf, da es nur
dadurch überlebt, dass es unausgesetzt seine Opponenten dazu veranlasst,
sich auf seinem realen Territorium zu bekriegen. Daher muss der Kampf in
die symbolische Sphäre verlagert werden, in der Regeln der
Herausforderung, der Umkehr, der Überbietung herrschen. Der Tod kann nur
durch einen gleich- oder höherwertigen Tod beantwortet werden. Das System
herausfordern durch eine Gabe, der es nicht gerecht werden kann, außer
durch den eigenen Tod und seinen eigenen Zusammenbruch. Die
terroristische Hypothese heißt, dass sich das System in Beantwortung der
vielfachen Herausforderung des Todes und Selbstmordes selbst umbringt.
Denn weder das System noch die Macht entgehen der symbolischen
Verpflichtung; in dieser Falle liegt die einzige Chance ihrer Katastrophe.

Man muss davon ausgehen, dass ein neuer Terrorismus geboren ist, eine
neue Aktionsform, die sich die Spielregeln aneignet, um sie umso besser
zu stören. Eine fatale Strategie, die vom System die Waffen und die Logik
borgt, aber um sie gegen sich selbst zu kehren. Sie haben sich die
Informations- und Weltraumtechnologien, Geld und Börsenspekulation, die
Mediennetze und die Spiegeldimension angeeignet - sie haben sich von der
Moderne und der Globalisierung alles angeeignet, ohne das Ziel, nämlich
deren Destruktion, preiszugeben.

Das war schon in der radikalen amerikanischen Bewegung der sechziger und
siebziger Jahre der Fall, die auf die Medien zurückgriffen, um sie anders
zu verwenden. Schon damals überraschte diese Handlungstechnik, denn bis
zu diesem Zeitpunkt war es für eine revolutionäre Bewegung unmoralisch,
dieselben Mittel wie das System zu verwenden. Man musste den Zweck durch
die Reinheit der Mittel heiligen. Sich die Techniken des Systems
anzueignen, heißt dessen Werte zu übernehmen. Bezeichnenderweise haben
insbesondere die Schwarzen Amerikas dieses Tabu gebrochen und diese
moralische Demarkationslinie überschritten. Heute ist dieselbe Bestürzung
angesichts der islamistischen Terroristen zu beobachten: Wie konnten sie
sich alle Techniken der Moderne aneignen, ohne deren Werte zu übernehmen
bzw. sie verwenden, um sie zu zerstören? Man erblickt darin etwas
Inkohärentes und Unmoralisches, da der technische Fortschritt für uns
untrennbar mit dem "moralischen" Fortschritt einhergeht, mit der
Beseitigung aller anderen Wertsysteme als der unsrigen.

Und als Gipfel der Gerissenheit haben sie über Monate und Jahre hinweg
sogar in der häuslichen Klandestinität die Banalität des american way of
life als Maske und Doppel von Leben und Spiel benutzt, bevor sie eines
Tages wie verspätete Bomben aufgetaucht sind. Diese Meisterschaft der
Klandestinität ist fast ebenso terroristisch wie die Aggression selbst,
da sie jeden Bürger unter Verdacht stellt, und sei es den
konformistischsten, wie nunmehr in jedem beliebigen Flugzeug, das nun
suspekt wird.

In diesem Sinn ist der Terrorismus überall, ist ein Virus als letztes
Stadium der Globalisierung. Er ist im Herzen des Globalisierungsprozesses
selbst und benutzt jeden beliebigen Akteur (das unpersönliche Gerücht,
deren Komplize jedermann ist, die Anthraxdrohung, die Naturkatastrophen).
Jedermann ist photosensibel auf den Terrorismus geworden. Mit den Türmen
des World Trade Center ist endgültig ein Schutzschild gefallen; in den
Bruchstücken des zerbrochenen Spiegels suchen wir verzweifelt unser Bild.

Und es gibt für all das sicherlich einen tieferen Grund: Unerträglich ist
weniger das Unglück, das Leid oder die Armut als vielmehr die Macht
selbst und ihre Arroganz. Unerträglich und inakzeptabel ist das
Auftauchen dieser ganz neuen globalen Macht.

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den Baudrillard Ende Januar in
Stuttgart gehalten hat. Veranstalter war das Literaturhaus Stuttgart in
Zusammenarbeit mit der Universität und der Breuninger Stiftung. Aus dem
Französischen übersetzte Michaela Ott.



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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 01.03.2002 um 21:06:51 Uhr
Erscheinungsdatum 02.03.2002

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